oli
Ich mochte keine Oliven.
Ohne Kern, in Salzwasser verschwommen, beinahe zersetzt. Sie mit roter Paprika zu füllen, die noch lascher war, für den Farbkontrast, machte es nur schlimmer. Das Loch, es blieb. Stellen Sie sich eine aufgeweichte Nuss vor, ihrer Nussigkeit, ihrer Festigkeit beraubt. So war es mit allem. Alles, was nähren sollte, kam aus der Dose oder dem Glas. Früchte, die, eingesperrt, schon lange kein Licht mehr gesehen haben, damit sie hielten und blieben. Wie bequem. Es war wie mit diesen toten Körpern, die in Lösungen aufbewahrt wurden. Sie tauchen in Vorstellungen auf, die wir von der Zukunft haben. Isolierte Inkubatoren in Vorratskammern. Dort lagern sie in ihrem eigenen Saft. Armaden voller Furcht, Leben weggeträumt, Gefühle aufgelöst. Ihrer eigenen Substanz und Schönheit beraubt. In ihnen konnte nur noch wenig Leben sein. Genießbar, doch völlig entstellt. Irgendwo, weit weg von dem Ort, an dem sie wuchsen.
Bis ich diesen Ort fand.
Ein Weingut in San Gimignano. Oliven, die die heiße Sonne unter ihrer Haut trugen. Sie wurden nicht eingelegt, gepresst oder mussten sonst irgendwie weiter. Sie kamen direkt von den Bäumen.
Ich machte eine Ausnahme.
Sie fühlte sich so anders an. Sie gab nicht nach. Ich biss mir vor herrlicher Überraschung beinahe die Zähne aus, als ich auf ihren Kern stieß. Es endete nicht. Es war der Beginn. Ich erkannte die Natur dieser Olive. Sah mit anderen Augen. Ich war ein Teil ihres Lebens geworden.
Ich würgte an ihnen.
Nun aß ich sie, und nicht nur zur Not.
Weil ich diesen Ort nie verlassen habe.
Egal, wem ich heute begegne, ich sehe Oliver wieder. Er bleibt, irgendwie besorgt. An dem Tag, an dem es regnete und wir uns einen Schirm teilten. An dem Tag, an dem er mich nach Hause fuhr. Er ist da, wenn ich in die Dunkelheit träume. Ich sollte bleiben. Nicht schwindeln. Nicht ablenken. Ich hab dich noch nie so gesehen. Er reicht mir ein Buch. So oder so, man sollte seinem Gegenüber besser in die Augen sehen. Er zündet mir eine Zigarette an. Er hat das Zimmer, mit der Schreibmaschine und den Buchseiten an den Wänden, nie verlassen. Seine Berliner Zeit, auch nicht. Aber davon weiß ich nichts.
Wer spricht denn da?
Ich sollte bleiben.
Ich blieb nicht. Er auch nicht.
Er ist nicht weit weg.
Die Sieg mündet in den Rhein.
Ich war auch so –
ist egal.

