weinweide

Da war diese Weide. Wie ich ein Kind war, so lag sie dazwischen, Himmel und Erde, sie hat überdauert, irgendwie zusammen, irgendwie alleine. Sie stand nicht still, doch stand sie immer noch, nach all der Zeit, ganz dicht, vor dem Rosenthaler Tor. Im Volkspark am Weinberg, abends, auf hügeligen Wiesen, war ich weich beschützt, in Ruhe, in Gedanken, unter ihren Zweigen, die mich immer noch umschließen. Den Weinberg, beschattet mit alten Linden, ihr Geruch, den ich so sehr liebte, gab es so nicht mehr. Ganz genau so, wie die Theater. Wenn jemand fragte, wohin sie ging, sagte sie, nach Paris. Wenn jemand fragte, wofür sie stand, sagt sie, für Romantik. Sie sah so traurig aus. Ihre langen, weich herabhängenden Zweige fielen wie Tränen. Sie berührte, was sich auf sie zu bewegte. Der Wind verwehte sie, lautlos und vollkommen. Sie bäumte sich nicht auf, zeigte nicht über Felder, sie ging viel tiefer. Sie war so wunderschön und ungeheuer sanft. Sie hatte alle Zeit. Sie muss nichts spezielles machen. Sie war ein Versprechen. Ein stiller Begleiter. Sie ließ es regnen. Ich wollte mit niemand anderem sein. Sie brauchte das Wasser zu ihren Füßen, das Ufer, jeden Abend, am tiefsten Punkt, den Teich mit den Seerosen, nierenförmig. Dann, begann etwas neues. Sie war frei. Sie war nie verloren. Von ihr wusste ich, es geht gemeinsam, bleibt man sich selber treu. Ich hätte es längst vergessen, wenn sie nicht da gewesen wär. Sie eröffnete die große Liegewiese, einen Platz neben ihr, auf der Decke. Ich schloss die Augen, das sollte das letzte sein, was wir sehen. Um uns, alles lebendig. Im Süden, der Heidegarten, immergrün, längs der Schaugarten, Blütensträucher und oben, am Tanzcafé, der Rosengarten. Ich sehe meine Eltern, ihren ersten, ihren letzten Tanz. Wasser, Springbrunnenbecken, rhythmisch verteilt. Ein Spielplatz, kalte, geometrische Bronzekörper, aus denen im Sommer Wasser spritzte. Wenn man den Finger auf die Öffnungen legte, konnte man zielen, ich traf, es waren einige. Ein Becken mit Wasser, das bis unter die Knie reichte. Die Jahre vergingen, ich wurde älter, und legte mich hinein, immer wieder. Ein Herz, das schlägt, muss sich wiederholen. Auf dem Nachhauseweg blieb mir immer Heinrich Heine, überlebensgroß, sitzend, schlicht gekleidet, auseinandergestellte Beine, weitausgreifende Arme. Sein liebes Gesicht, es blickte leicht zur Seite. Auf dem Muschelkalk, eine Inschrift: »Wir ergreifen keine Idee, sondern die / Idee ergreift uns und knechtet uns / und peitscht uns in die Arena hinein / dass Wir wie gezwungene Gladiatoren / für sie kämpfen«. Ich habe nie über die peitschende Weide nachgedacht. Sie greift jeden an, der ihr zu nahe kommt, als Wächterin, um den Zugang zu verteidigen, um den Zugang zu verbergen, denn er ist ein Geheimnis. Auch sie ist, für Verwandlungen, eine sichere Zuflucht, ein Versteck. Sie hat einen weichen Knotenpunkt, er ist tabu, man kann ihn berühren, ohne irgendeine Bewegung tun zu müssen, und ihr Zorn ist weg. Das Herz ist mehr als ein Muskel, mehr als eine in Blut getränkte Faust, wenn es schlägt. Es verging kaum ein Abend, an dem ich nicht hinaufkletterte, auf seinen Schoß. Ich war nicht die erste, ich war nicht die letzte, die das tat, zwischen der Zionskirche und dem Rosenthaler Platz. Früher hingen hier Trauben, ungestört, zart und süß, an einem Strang, ganze Sommer, Leben lang. Jetzt sitzen sie allein, bestellen lustlos, trinken, ohne Zutun, vergorenen Wein. Dass sie sich einander gaben, liegt lang schon zurück. Zeit ist ein dickes Buch mit weißen Seiten. Nur auf der Letzten, da stünde, wenn sie schlägt, die letzte, gestohlene Stunde, in der man noch nicht schläft, nicht mehr wach ist, nur ein einziges Wort. Holt man sie zurück, so beginnt man im Zweifel dort, wo man schon gewesen ist. Federweißer, neuer Wein, kann nicht liegen, muss geöffnet bleiben. Liebe ist nicht nur eine Konfrontation mit der Absurdität der Welt; sie ist die Weigerung, sich von ihr brechen zu lassen. Die Absurdität mag regieren, doch die Liebe rettet uns vor ihr. Die erste und die letzte Pflicht und Rebellion. Es war diese Weide. Sie ist nicht stehen geblieben; sie steht immer noch. Trotzdem. Sie übersteht den Sturm. Sie ist echt. Sie ist zart. Sie geht nicht weg.

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miroirs (pour paula)